Sammlungen


Anna Binkuńska, Sabbat, 1975, Wrocław (Breslau)
Anna Binkuńska, Sabbat, 1975, Wrocław (Breslau)

         Das bis heute unveränderte Profil der Sammlungen des Museums lässt es als niederschlesisch bezeichnen. Aus dieser Region stammt nämlich die überwiegende Mehrheit der Kunstgegenstände. Wenige Exponate aus Oppeln- und Oberschlesien, dem Teschener Schlesien und den Schlesischen Beskiden ermöglichen breiter angelegte Analysen und Vergleiche mit den benachbarten Regionen und einzelne Werke der nicht-professionellen Kunst, die aus Gebieten außerhalb von Schlesien stam- men, gelangten als Ergebnis der vom Museum organisier- ten landesweiten Wettbewerbe hierher. Die Museumsstük- ke dokumentieren das Leben des niederschlesischen Dorfes vom Anfang des 17. Jh. bis zur Gegenwart und illustrieren somit die Volkskultur sowohl der ehemaligen Einwohner der Region als auch der nach dem Krieg eingewanderten Bevölkerung.
         Die ersten Sammlungen entstanden durch die Übernah- me der historischen und künstlerischen Gegenstände aus den dem Ministerium für Kultur und Kunst gehörenden Museumslagern in Bożków (Eckersdorf) und Zelazno (Eisersdorf) sowie aus einigen regionalen Museen - in Karpacz (Krummhübel), Szklarska Poręba (Schreiberhau), Niemcza (Nimptsch), Bolków (Bolkenhain), Jawor (Jauer), Jelenia Góra (Hirschberg), Kamienna Góra (Landeshut), Brzeg (Brieg), Wałbrzych (Waldenburg) und Ziębice (Münsterberg). Die einen wurden aufgelöst, die anderen änderten ihr Profil und gaben dabei einen Teil der unge- nutzten Sammlungen ab. Einige deponierten jedoch ihre wertvollsten Stücke. Die ersten Käufe von Exponaten, die vorwiegend aus Oppelnschlesien und den Schlesischen Beskiden stammten, wurden 1949 dank spezieller Subven- tionen des Ministeriums für Kultur und Kunst getätigt. Die zweite Phase umfasste den Zeitraum von 1953 bis 1956 und war Folge der systematischen Suche nach historischen und künstlerischen Gegenständen in ganz Niederschlesien. In den Sechziger Jahren und später setzte man diese Tätigkeit in Verbindung mit wissenschaftlichen Untersu- chungen fort. In vielen Hunderten von Orten im Glatzer Land, in der Nähe von Lwówek Śląski (Löwenberg), Legnica (Liegnitz), Wołów (Wohlau) wurden damals Nach- und Feldforschungen durchgeführt. Zusätzlichen Nachdruck legte man auf die Registrie- rung der von Kulturwandlungen zeugenden Quellenma- terialien mit Hilfe von Zeichnungen, Beschreibungen und Fotografien und das ermöglichte die Gründung eines Archivs. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Gebieten geschenkt, in denen das Bestehen der traditio- nellen Kultur durch das Vorhandensein neuer Industrie- unternehmen bedroht war. In einigen Orten, die von der Umsiedelungsaktion wegen geplanter Aufbauten betrof- fen waren, wurden die "Rettungsuntersuchungen" zusammen mit sofortigen Ankäufen von historischen Gegenständen durchgeführt. Das Museum registriert auch die gegenwärtigen Wandlungen der Volkskultur.

In Batiktechnik hergestelltes Osterei, Dreißiger Jahre des 20. Jh., Huzulenland
In Batiktechnik hergestelltes Osterei, Dreißiger Jahre des 20. Jh., Huzulenland

         Seit 1968 wurden auch Werke gekauft, die früher außerhalb des Interessenkreises der Ethnographie lagen. Die ansehnliche Zahl von gesammelten Werken der nicht-professionellen Kunst, die hauptsächlich für Nieder- und Oberschlesien repräsentativ sind, ließ die erste ständige Galerie der Nicht-Professionellen Kunst (1980-1985) in Polen dem Publikum zugänglich machen, die etwa 150 Arbeiten von einem guten Dutzend Schöpfern präsentierte. Die Sammlung wurde vor allem nach Ausstellungen bereichert, mit denen die Woiwodschaftsschauen derartiger Kunst endeten, aber zu ihrer Erweiterung trugen auch Wettbewerbe (z.B. "Figurale Bienenstöcke", "Die Welt meiner Fantasie") bei.
         Zur Tradition wurden alljährliche Ausstel- lungen und zu deren Schluss organisierte Osterkirmessen, welche die mit Festen verbun- dene Volkskunst dokumentieren lassen, d.h. diesen lebendigen und sich ständig entwickeln- den Zweig der Volkskultur, der heute ohne jegliche Einschränkungen neue Techniken, Materialien und Arten der Ornamentik verwen- det. Diese Ausstellungen - wie auch der 1968 durchgeführte Wettbewerb für mit den Frühlingsbräuchen verbundene Gegenstände - trugen zur Entstehung der Sammlung von etwa 600 bemalten Ostereiern bei, die in den meisten Fällen neu angefertigt wurden, jedoch an die traditionellen Techniken und Ornamentik von Huzulen und Lemken, aus der Rzeszower, Lubliner, Oppelner und Suwałki-Region, aus Wolynien und Polesie wie auch der rumänischen Bukowina anknüpfen. Die Samm- lung ist durch einen Satz huzulischer Ostereier ergänzt, die in den Dreißi- ger Jahren des 20. Jh. hergestellt wurden. Als interessantes Beispiel der modernen Kunstwerke gelten auch niederschlesische Weihnachts- krippen: tragbare Puppenkrippen, Krippen Krakauer Art und holz- geschnitzte Krippen.

Krönung der Gottesmutter, 19./20. Jh., Otmuchów (Ottmachau), Oppelner Land
Krönung der Gottesmutter, 19./20. Jh., Otmuchów (Ottmachau), Oppelner Land

         Die Eigenart der für das Museum interessanten Region spiegelt sich direkt in der Struktur der Sammlun- gen wider. Die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Niederschlesien von den Siedlern mitgebrachten Gegenstände wurden - wie sie selbst - aus ihrer natürlichen Umge- bung herausgerissen. Sie sind keine kohärenten thematischen Kollektionen, stellen jedoch außergewöhnlich wertvolles Forschungs- material zur Kulturgeschichte wie auch zum Bewusstseinsstand der migrierenden Bevölke- rung und ihren Vorstellungen vom Leben außerhalb eines ihr bekannten Gebietes dar.

Butterfass mit Kurbel, Anfang des 20. Jh., Niederschlesien
Butterfass mit Kurbel, Anfang des 20. Jh., Niederschlesien

         Leider sind in den meisten Fällen die Werke, aus denen sich hervorragende und meistens unübertroffene Sammlungen der alten nieder- schlesischen Kunst zusammensetzen, unbekann- ter Herkunft. Dies ist auf einen spezifischen Erwerbsweg zurückzuführen - aus Museums- lagern, durch Vermittlung von DESA (das älteste Unternehmen in Polen, das sich mit Kunsthandel beschäftigt) oder in Form von Geschenken der Pfarreien. Im Museum wurden etwa Zwölftausend Kunstwerke gesammelt (Stand 2005). Die ganze Samm- lung ist außergewöhnlich wertvolles Material, das die Forschungen zur Vielseitigkeit der Kultur Niederschlesi- ens und ihrer Beziehungen zur Kultur der Nachbar- regionen ermöglicht, aber einige Ansammlungen von Kunstgegenständen sind besonders beachtenswert. Die Bestände der Abteilung Technische Kultur geben die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Grundlagen des Dorflebens zu rekonstruieren. Hier befinden sich landwirtschaftliche Geräte, Beförderungsmittel, mit der Tierhaltung und dem Hirtenleben verbundene Gegen- stände, Gegenstände, die zum Aufbewahren und Behandeln von Lebensmitteln dienten, und Handwerks- werkzeuge sowie -erzeugnisse.
         Das Schmiedehandwerk wird u.a. mit rund 350 Werkzeugen und Einrichtungen dokumentiert, zu denen die größte Sammlung von datierten und verzierten niederschlesischen Ambossen (26 Objekte) in Polen gehört. Die Mehrheit bilden Ambosse ohne Hörner, die für die ältesten gehalten werden. Alle sind in Stempeltechnik dekoriert, viele mit einer Datierung versehen. Die Kollektion der reich verzier- ten Wagenbeschläge zeugt am deutlichsten von der Kunstfertig- keit der Schmiedemeister.

Michał  Podlipski, nach den Wilnaer Mustern hergestellte Blumenvasen, Fünfziger Jahre des 20. Jh., Wrocław (Breslau)
Michał Podlipski, nach den Wilnaer Mustern hergestellte Blumenvasen, Fünfziger Jahre des 20. Jh., Wrocław (Breslau)

         Das Weberhandwerk wird dem Besucher nicht nur anhand der Webstühle und Spinnräder demonstriert, sondern auch anhand einer Sammlung der kunstvoll geschmückten - bemalten und durchbrochenen - an einer Platte befestigten Kunkelstäbe aus Niederschlesien. Eine andere interessante Kollekti- on bilden die niederschlesischen Model für Stoffdruck, nicht nur im Hinblick auf die Verschiedenartig- keit der Muster, sondern auch die der technischen Lösungen.
         Den Kern der Sammlung zur Fischerei machen die Objekte aus, die vom ehemaligen Museum für Binnenfischerei in Milicz (Militsch) übernommen wurden.
         Die ausgestellten Keramik- waren stammen aus fünf Töpferwerkstätten, die nach 1945 in Niederschlesien wieder in Betrieb gesetzt wurden. Besonde- re Aufmerksamkeit wird der Werkstatt von Kazimierz Wofeiak aus Olawa (Ohlau) geschenkt.

Honigsieb  aus Steingut, Anfang des 20. Jh.,  Szczepanów (Stephansdorf), in der Nähe von Środa Śląska (Neumarkt), Niederschlesien
Honigsieb aus Steingut, Anfang des 20. Jh., Szczepanów (Stephansdorf), in der Nähe von Środa Śląska (Neumarkt), Niederschlesien

         Der aus Pistyri in Pokutien stammende Töpfermei- ster fertigte bis zu den Siebziger Jahren Schüsseln Teller, Blumenvasen, Leuchter und Fruchtschalen, für die als Vorbild die in Pokutien hergestellte Majolika diente. Als eine wertvolle Ergänzung dieser Sammlung gilt die vor dem Krieg entstandene, handgefertigte Keramik, insbesondere die aus Boleslawiec (Bunzlau), wie auch einzelne Objekte aus den Nachbarregionen. Die Textilien und Trachten, die von den Siedlern nach dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht wurden, machen neben den niederschlesischen Trachten einen beträchtlichen Teil der Sammlungen in der Abteilung für Volkstümliche Textilien und Trachten aus. Besonders bemerkenswert ist hier die Kollektion der Wilnaer Tagesdecken, Wereta genannt, und der huzulischen Kelims. Genauso faszinierend ist die Sammlung der alten niederschlesischen Frauen- hauben.
         Die künstlerisch wertvollsten Kollektionen mit dem höchsten Erkenntniswert in den musealen Sammlungen sind jedoch die der alten nieder- schlesischen Kunst. In der Kunstabteilung verdienen insbesondere Glasmalerei, Andachtsgrafik, Plastiken mit der Sammlung der figuralen Bienenstöcke, Lebkuchenformen und bemalte Möbel besondere Beachtung.


Instytucja Kultury Samorządu Województwa Dolnośląskiego

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